Nur ein schlechtes Gefühl

Er hatte das Gefühl einen Krampf im Magen zu haben. Es war an dem heutigen Nachmittag nicht der Hunger, der ihn quälte, sondern seine Erinnerungen. Keine wirklich Schlimmen, viel mehr die Peinlichen. Diese Momente, die immer in den unpassendsten Momenten erschienen und mit der Kraft der Scham den Magen so verdrehten wie es kleine Kinder beim “Brennnessel-Spielen” machten.
Bitte gib mir nur ein Oh…
Vollkommen egal, wie lange dieser Moment auch zurücklegen mochte, in diesen Momenten kam er mit solcher Wucht, dass er auch erst einige Stunden alt sein konnte. Und wie es Gedanken so an sich haben kamen sie plötzlich und niemals alleine. So auch heute.
Über einen Mitschüler lästern, während der hinter dem eigenen Rücken alles mitbekommt, eine unfreiwillige Sturzeinlage, die selbstverständlich immer vor mindestens einen Dutzend Menschen passieren muss. Die Schmerzen des Aufpralls wären auch unnütz, wenn sich die Mitmenschen nicht darüber lustig machen könnten.
Bitte gib mir nur ein Oh…
Natürlich gab es auch Erinnerungen, die es damals vermochten, das Herz förmlich aus dem Brustkorb zu reißen, vor den eigenen Augen ein bisschen rumzuquetschen und dann die Pumpe mit Genuss durch das Gesicht zu schmieren. Und während das Blut über das Gesicht läuft, muss man mit ansehen, wie das eigene Herz im Staub herumgetreten wird. Wie ein Fußball, der die Luft verloren hat. Schon wenige Worte reichen, um den Vernarrten um Jahrzehnte altern zu lassen. Ihm eine Last auf den Rücken binden, die schwer genug ist, ihn auf Monate hin kriechen zu lassen. Nach einigen Jahren werden diese Gedanken dann zurückkommen. Ohne Vorwarnung. Plötzlich. Und sie werden ihre Artgenossen mitbringen.
Bitte gib nur ein, bitte bitte gib mir nur ein…
An die Last hat man sich inzwischen gewöhnt, auch eine emotionale Last kann dazu dienen, seinen Körper zu trainieren und ihn an das Gewicht der Erinnerung zu gewöhnen. Die wiederkehrenden Gedanken werden nur vom Gefühl der Scham begleitet. Die spielt dann zwar “Brennnessel” mit dem Magen, aber das wäre doch irgendwie angenehmer, dachte er.
Eigenartig wie gut man über solche Empfindungen schreiben kann, obwohl man sie nie wirklich empfunden habe, schoss es ihm durch den Kopf. Fast genau so eigenartig, dass er sich tatsächlich ein solches Gefühl herbeisehnte.
Bitte bitte, gib mir nur ein Wort

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2 Antworten zu “Nur ein schlechtes Gefühl”

  1. ichistmeinname sagt:

    “Brennnessel-Spielen”? Was ist das? :D

  2. Madse sagt:

    Geil geschreibt!

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