Kennt ihr das nicht auch? Eine Band, die ihr total gerne habt, sagt euch kurz vor ihrem neuen Album, dass sie sich gar nicht geändert habe, immer noch dieselben seien, wie immer. Nein? Ok, kannte ich bis vor Kurzem auch nicht. Aber ich sage euch eines: Glaubt ihnen nicht. Die Penner lügen. Die haben ihre gesamte musikalische Orientierung über Bord geworfen, die eigenartig schwulen Kostüme verbrannt und sehen jetzt irgendwie normal aus. Die haben sogar ihren Namen um ein Ausrufezeichen beraubt!
Das ist das, was Panic! at the Disco im ersten Lied ihres neuen Albums Pretty. Odd. singen, was natürlich alles nicht stimmt…
Kurzer Einschub: Noch vor ein paar Tagen hat mir ein guter Freund gesagt, dass er Panic! at the Disco (bei mir immer noch mit Ausrufezeichen, wie sieht das denn sonst bei last.fm aus) irgendwie emo fände. Ich antwortete mit einem kühlen “Nein, also emo sind die sicher nicht.” In einem noch unbekümmerten und desinteressierten Ton führte ich meine Ansicht fort: “Die sind ein bisschen schwul, aber nicht emo”. Lachen seitens meines Gesprächspartners, ich bleibe ungerührt. Es ist doch so. Die Kostüme (besonders dieses Rüschenhemd, das Sänger Brendon, irgendwie immer getragen hat) haben diesen Anschein hervorgerufen. Hier der Versuch eines Beweises (Übrigens, dieser Auftritt hat mir irgendwie gefallen):

Und was soll ich jetzt sagen? Hat mal jemand die neuen Pressefotos gesehen? In Anzug, Krawatte und Weste. Das Make-Up ist weg und sie sehen wirklich aus wie Männer. Ich werde sie in Zukunft wohl einfach mit “extravagant” beschreiben müssen, denn das sind sie noch immer. Da muss man nicht einmal auf die Kleidung gucken. Da reicht schon der Blick auf das Albumcover oder das Video zur ersten Single-Auskopplung Nine in the Afternoon.
Aber was hat sich musikalisch getan? Das soll bei einer Band ja auch in einer gewissen Weise wichtig sein; habe ich zumindest mal wo aufgeschnappt. Wie schon gesagt: Die Band aus Nevada (ja, der Bundesstaat dem Las Vegas gehört, oder so) hat sich weiterentwickelt. Wobei von Weiterentwickeln nicht die Rede sein darf. Denn ihr neuer Stil basiert kein bisschen auf dem was sie mit ihrem Debutalbum geschafft haben. Man sollte es wohl eher totale Veränderung nennen.
Der Elektrosound ist weg, disco-fähig ist das ganz auch nicht mehr. Aber ist es deswegen schlecht? Nein! Es ist mittelmäßig.
Das hat gar nicht umbedingt, mit dem Wechsel von Electro-Synthie-mit-Zungenbrechergesang-Gedüddel zu … ja, was ist in Pretty. Odd. eigentlich alles drin? Wir haben Nine in the Afternoon, das von der Stimmung der des ersten Album wohl am gerechtesten wird. Aufwühlend, zum mit dem Fußbewegen animierend und irgendwie schnell. Nur eben ohne Synthie und so. Stattdessen mischt sich ein sehr auffälliges Klavier dazu und es wirkt alles musikalischer. Also warum nur mittelmäßig? Es könnte nicht einfacher und doch fataler sein. Nine in the Afternoon ist keineswegs ein Ohrwurm, wie es I Write Sins Not Tragedies war. Nach dem Hören klingt es noch so ein bisschen nach, eine halbe Stunde später hat es sich komplett verabschiedet. Und hey, ich kann heute noch den gesamten Text von I Write Sins!
Und das, was Nine in the Afternoon nicht gelingt, schafft auch keiner der anderen Titel. Vollkommen egal, ob es I Have Friends in Holy Spaces ist, das durch Okelele, Trompete und Toneffekt irgendwie sehr altmodisch, aber auch stylish wirkt, Old-School-Stück Pas de Cheval oder der ironisch betitelte Song Folkin’ Around ist, der - nun ja - mit Sicherheit als Folk zu bezeichnen ist.
Es macht Spaß sich Pretty. Odd. anzuhören. Man kann sich wunderbar dabei entspannen, amüsiert sich über kleine Geniestreiche (so klingen die Drums am Anfang des Lieds doch tatsächlich ein wenig nach dem Traben eines Pferdes; wird das so geschrieben? Ist das eigentlich der richtige Ausdruck für diese Reitgeschwindigkeit? Ich reite nicht, also habet Mitleid. Ich kann auch extravagant sein), und wippt ein bisschen im Takt. Dabei stört es mich (mittlerweile) Recht wenig, dass sich die Jungs von Panic! at the Disco kräftig an dem Stil vergangener Musikzeiten bedienen. Ich finde es sogar wirklich interessant, was sie daraus machen. Aber es fehlen wirkliche Ohrwürmer, was mir persönlich jetzt gar nicht so wichtig ist. Es macht mir Spaß, das neue Album zu hören und das soll schon für eine Empfehlung reichen. Solange euch der neue Stil nicht abschreckt, denn rein objektiv betrachtet (was bei Musik ja sehr schwer ist) ist es leider mittelmäßig.
Darf ich das “Penner” am Anfang des Textes widerrufen?