Archiv für die Kategorie ‘Rezension’

Fotos - Nach dem Goldrausch

April 28, 2008

Hmm, verdammt! Was bitte sind Serenaden? Das Wort habe ich ja noch nie gehört. Also wenn Tom singt, dass das er keine Serenaden mehr singt, was singt er denn dann nicht mehr? Mein guter Bekannter Herr Pedia muss mich aufklären.
Serenaden ist also italienisch und bedeutet “Abendlied”. Assoziiere ich jetzt mit Abschiedslied. Also tut der Sänger gut daran, solche Lieder nicht mehr zu singen. Klar, dass ich diese Aussage, jetzt aus dem Kontext des Liedes gerissen habe und zugunsten dieser tollen Einleitung missbraucht habe.
Aber es wäre auch zu früh für ein Abschiedslied. Immerhin ist Nach dem Goldrausch erst das zweite Album der jungen deutschen Band.

Was konnte man dem großartigen Debutalbum der Fotos schon vorwerfen? Vielleicht die auf sich neun Songs erstreckende fröhliche, lebendige und mit jedem Lied gleicher klingenden Melodien, die nur durch den letzten Song Katharina unterbrochen wurden. Bei Nach dem Goldrausch ist es in gewisser Weise genau umgedreht: Hier gibt es neun Songs mit ruhigem, nachdenklichem, vielleicht auch schon in gewissem Maße melancholischem Sound, während der erste Song, erste Single-Auskopplung Nach dem Goldrausch (hmm, heißt so nicht auch das Album?) mit tragendem “Hahahahaha”-Backgroundgesang und lebhafter Stimmung, die wohl auf die Mischung aus schnellem Takt und dem auffälligen Keyboard zurückzuführen ist. Ganz so krass ist es natürlich nicht, aber es geht in diese Richtung.

Nach dem Goldrausch (jetzt wieder das Album) bekennt sich zu minimalistischer Musik, ruhigeren Stücken, mit Soulanleihen. Es ist also an sich das genau Gegenteil des ersten Albums, das sich vornehmlich durch Indie-Rock auszeichnet. Und trotzdem erkennt man an jedem der Lieder den Interpreten. Trotz dem extremen Wandel kann man die neuen Songs ohne Probleme als die von den Fotos bezeichnen
Damit ist den vier Jungs ein Kunststück gelungen, das Panic at the Disco misslungen ist. Aber das mag auch mit der markanten Stimme von Tom zu tun haben.

Inhaltlich gesehen bietet Nach dem Goldrausch nach wie vor ehrliche und offenherzige Texte, die immer ästhetisch und niemals schmierig oder kitschig rüberkommen. Mit Fotos wird in gewisser Weise eine ähnliche Thematik wie bei Komm zurück behandelt, nur irgendwie anders. Nämlich mit dem Akzeptieren der Trennung. Aus dem Titel stammt auch meine Lieblingszeile: “Und die Fotos, die ich zeigten mit dir, irgendjemand hat sich für mich zerrissen”. Weiß gar nicht genau, warum ich das so toll finde.
Mit Explodieren eine schöne Aufforderung, aus sich selbst rauszugehen. So wird gesungen: “Hör einfach auf zu Funktionieren, jetzt ist die Zeit zu explodieren”. Auch eine meiner Lieblingszeilen
Die genannte Ästhetik entsteht in erster Linie - wie schon im ersten Album - durch clevere Metaphern. So schlicht kann man es erklären und ebenso schlicht sage ich zum Abschluss:

Kauft es euch. Es ist es wert!

Trackliste (Anspieltipps fett gedruckt):

  • Nach dem Goldrausch
  • Serenaden
  • Ein Versprechen
  • Ich häng an dir und du hängst an mir
  • Explodieren
  • Ein Freak und ein Spinner
  • Das ist nicht was ich will
  • Fotos (heißt so auch nicht die Band und das erste Album?)
  • Essen, Schlafen, Warten und Spielen
  • Kalifornieren

Panic! at the Disco - Pretty. Odd.

April 11, 2008

Kennt ihr das nicht auch? Eine Band, die ihr total gerne habt, sagt euch kurz vor ihrem neuen Album, dass sie sich gar nicht geändert habe, immer noch dieselben seien, wie immer. Nein? Ok, kannte ich bis vor Kurzem auch nicht. Aber ich sage euch eines: Glaubt ihnen nicht. Die Penner lügen. Die haben ihre gesamte musikalische Orientierung über Bord geworfen, die eigenartig schwulen Kostüme verbrannt und sehen jetzt irgendwie normal aus. Die haben sogar ihren Namen um ein Ausrufezeichen beraubt!
Das ist das, was Panic! at the Disco im ersten Lied ihres neuen Albums Pretty. Odd. singen, was natürlich alles nicht stimmt…

Kurzer Einschub: Noch vor ein paar Tagen hat mir ein guter Freund gesagt, dass er Panic! at the Disco (bei mir immer noch mit Ausrufezeichen, wie sieht das denn sonst bei last.fm aus) irgendwie emo fände. Ich antwortete mit einem kühlen “Nein, also emo sind die sicher nicht.” In einem noch unbekümmerten und desinteressierten Ton führte ich meine Ansicht fort: “Die sind ein bisschen schwul, aber nicht emo”. Lachen seitens meines Gesprächspartners, ich bleibe ungerührt. Es ist doch so. Die Kostüme (besonders dieses Rüschenhemd, das Sänger Brendon, irgendwie immer getragen hat) haben diesen Anschein hervorgerufen. Hier der Versuch eines Beweises (Übrigens, dieser Auftritt hat mir irgendwie gefallen):

Und was soll ich jetzt sagen? Hat mal jemand die neuen Pressefotos gesehen? In Anzug, Krawatte und Weste. Das Make-Up ist weg und sie sehen wirklich aus wie Männer. Ich werde sie in Zukunft wohl einfach mit “extravagant” beschreiben müssen, denn das sind sie noch immer. Da muss man nicht einmal auf die Kleidung gucken. Da reicht schon der Blick auf das Albumcover oder das Video zur ersten Single-Auskopplung Nine in the Afternoon.

Aber was hat sich musikalisch getan? Das soll bei einer Band ja auch in einer gewissen Weise wichtig sein; habe ich zumindest mal wo aufgeschnappt. Wie schon gesagt: Die Band aus Nevada (ja, der Bundesstaat dem Las Vegas gehört, oder so) hat sich weiterentwickelt. Wobei von Weiterentwickeln nicht die Rede sein darf. Denn ihr neuer Stil basiert kein bisschen auf dem was sie mit ihrem Debutalbum geschafft haben. Man sollte es wohl eher totale Veränderung nennen.
Der Elektrosound ist weg, disco-fähig ist das ganz auch nicht mehr. Aber ist es deswegen schlecht? Nein! Es ist mittelmäßig.

Das hat gar nicht umbedingt, mit dem Wechsel von Electro-Synthie-mit-Zungenbrechergesang-Gedüddel zu … ja, was ist in Pretty. Odd. eigentlich alles drin? Wir haben Nine in the Afternoon, das von der Stimmung der des ersten Album wohl am gerechtesten wird. Aufwühlend, zum mit dem Fußbewegen animierend und irgendwie schnell. Nur eben ohne Synthie und so. Stattdessen mischt sich ein sehr auffälliges Klavier dazu und es wirkt alles musikalischer. Also warum nur mittelmäßig? Es könnte nicht einfacher und doch fataler sein. Nine in the Afternoon ist keineswegs ein Ohrwurm, wie es I Write Sins Not Tragedies war. Nach dem Hören klingt es noch so ein bisschen nach, eine halbe Stunde später hat es sich komplett verabschiedet. Und hey, ich kann heute noch den gesamten Text von I Write Sins!
Und das, was Nine in the Afternoon nicht gelingt, schafft auch keiner der anderen Titel. Vollkommen egal, ob es I Have Friends in Holy Spaces ist, das durch Okelele, Trompete und Toneffekt irgendwie sehr altmodisch, aber auch stylish wirkt, Old-School-Stück Pas de Cheval oder der ironisch betitelte Song Folkin’ Around ist, der - nun ja - mit Sicherheit als Folk zu bezeichnen ist.

Es macht Spaß sich Pretty. Odd. anzuhören. Man kann sich wunderbar dabei entspannen, amüsiert sich über kleine Geniestreiche (so klingen die Drums am Anfang des Lieds doch tatsächlich ein wenig nach dem Traben eines Pferdes; wird das so geschrieben? Ist das eigentlich der richtige Ausdruck für diese Reitgeschwindigkeit? Ich reite nicht, also habet Mitleid. Ich kann auch extravagant sein), und wippt ein bisschen im Takt. Dabei stört es mich (mittlerweile) Recht wenig, dass sich die Jungs von Panic! at the Disco kräftig an dem Stil vergangener Musikzeiten bedienen. Ich finde es sogar wirklich interessant, was sie daraus machen. Aber es fehlen wirkliche Ohrwürmer, was mir persönlich jetzt gar nicht so wichtig ist. Es macht mir Spaß, das neue Album zu hören und das soll schon für eine Empfehlung reichen. Solange euch der neue Stil nicht abschreckt, denn rein objektiv betrachtet (was bei Musik ja sehr schwer ist) ist es leider mittelmäßig.

Darf ich das “Penner” am Anfang des Textes widerrufen?